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Gedenkveranstaltung "80 Jahre Ankunft erster Vertriebenenzug" in Furth im Wald

Bericht der Chamer Zeitung

 

80 Jahre danach

Furth erinnert an ersten Transport sudetendeutscher Vertriebener

 

Mit einer Gedenkveranstaltung erinnert die Grenzstadt an ersten ankommenden Zug mit sudetendeutschen Vertriebenen im Jahr 1946 - und setzt zugleich ein Zeichen für Versöhnung und Frieden in Europa.

 

Von Dominik Altmann

 

Mit einer Gedenkveranstaltung hat die Stadt Furth im Wald am Wochenende an den ersten Transport sudetendeutscher Vertriebener erinnert, der hier ankam. Er erreichte am 25. Januar 1946 die Grenzstadt. 80 Jahre später kamen Vertreter aus Politik, Kirche, Verbänden und der Zivilgesellschaft zusammen, um dem Leid der Betroffenen zu gedenken und zugleich den Blick auf die gemeinsame Verantwortung für Versöhnung und Frieden in Europa zu richten.

Bürgermeister Sandro Bauer erinnerte in seiner Ansprache im Rathaus an die historischen Umstände. Am 25. Januar 1946 traf um 14 Uhr ein Zug mit 1.196 sudetendeutschen Vertriebenen in Furth im Wald ein. Die Menschen waren in Viehwaggons untergebracht. Die jüngste Ankommende war ein halbes Jahr alt, die älteste 86 Jahre. Für viele sei Furth im Wald nicht nur Durchgangsstation, sondern erste Zuflucht nach Vertreibung, Angst und Heimatverlust gewesen. In den Monaten danach passierten zeitweise mehrere Transporte täglich die Stadt, insgesamt mehrere zehntausend Menschen.

Leistung der Stadt in der Nachkriegszeit

Zugleich betonte Bauer die Leistung der Stadt in den schwierigen Nachkriegsjahren. Trotz Mangels und großer Unsicherheit habe die Drachenstichstadt Außergewöhnliches geleistet. Von Furth im Wald aus seien die Vertriebenen in ganz Deutschland weiterverteilt worden. Die Geschichte der Vertriebenen sei jedoch nicht nur eine Geschichte des Leids gewesen, sondern auch des Neuanfangs. Viele hätten mit Wissen und Fleiß zum Wiederaufbau beigetragen und das wirtschaftliche wie gesellschaftliche Leben mitgeprägt.

Im Mittelpunkt der Veranstaltung standen Erinnerung, Aufarbeitung und Verständigung. Mehrere Redner hoben hervor, dass das Gedenken nicht rückwärtsgewandt sei, sondern einen klaren Bezug zur Gegenwart habe. Nationalismus, Ausgrenzung und Gewalt seien keine Phänomene der Vergangenheit. Gerade vor dem Hintergrund aktueller globaler Krisen und neuer Fluchtbewegungen sei es notwendig, aus der Geschichte Lehren zu ziehen.

Tschechische Gäste setzen Zeichen der Verständigung

Internationale Akzente setzte die Teilnahme tschechischer Gäste, darunter Pavel Hořava von der Partei KDU-ČSL sowie Milan Horáček. In ihren Wortbeiträgen unterstrichen sie die Bedeutung des Dialogs und der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit. Hořava sprach von einer spürbaren Verbundenheit zwischen Deutschland und Tschechien 80 Jahre nach der Vertreibung. Das Gedenken könne „einen Beitrag zu gegenseitigem Verständnis, zur Vergebung und zum Aufbau neuer freundschaftlicher Beziehungen leisten“. Die Erinnerung dürfe jedoch nicht zu kollektiver Schuld führen, sondern müsse Grundlage für Verständnis und eine gemeinsame europäische Zukunft sein.

Landrat und Bezirksratspräsident Franz Löffler hob in seinem Beitrag die doppelte Bedeutung des Gedenkens hervor: Erinnerung an das Leid der Vertriebenen und Anerkennung der gesellschaftlichen Leistung, die nach dem Krieg auf beiden Seiten erbracht wurde. Löffler erinnerte an die eigene Familiengeschichte im Grenzraum und daran, wie Vertriebene unter schwierigsten Bedingungen aufgenommen wurden - in einer Zeit, in der auch die einheimische Bevölkerung selbst kaum etwas besessen habe.

Er betonte, dass Vertreibung und Flucht keine Phänomene der Vergangenheit seien. Wer sich der historischen Dimension bewusst mache, müsse heutige Entwicklungen klar als Mahnung verstehen. Löffler: „Wenn wir wirklich verstanden hätten, was damals passiert ist, dürfte es Flucht und Vertreibung eigentlich heute nicht mehr geben.“

Zugleich verwies er auf die positiven Erfahrungen der Verständigung seit 1989: Grenzüberschreitende Zusammenarbeit, gemeinsame Erinnerungsarbeit und das Wiederentstehen persönlicher Beziehungen hätten gezeigt, was Menschen bewegen können, wenn sie Verantwortung übernehmen. Besonders würdigte Löffler den Beitrag der Sudetendeutschen zum Wiederaufbau Deutschlands. Ihr Bildungsniveau, ihr handwerkliches Können und ihr Engagement hätten entscheidend dazu beigetragen, dass sich das Land aus der Nachkriegsnot heraus entwickeln konnte. Diese Aufarbeitung gehöre untrennbar zu einem würdigen Gedenktag.

Appell an kommende Generationen

Als Festredner war der Sprecher der Sudetendeutschen Volksgruppe, Bernd Posselt gekommen.

Die Veranstaltung endete mit dem Appell, die Erinnerung wachzuhalten - nicht aus Nachtrag, sondern aus Verantwortung gegenüber kommenden Generationen. Furth sei aufgrund seiner Geschichte ein Ort des Erinnerns, zugleich aber ein Ort, von dem Signale für Frieden, Verständigung und ein gemeinsames Europa ausgehen könnten.

Im Rahmen des Gedenktags wurde im Alten Rathaus zudem die Ausstellung „Die Sudetendeutschen“ eröffnet. Dies geschah bei einem Empfang im Ausstellungsraum.

 

Eindringliche Worte

Mit einer eindringlichen Grundsatzrede hat Bernd Posselt bei der Gedenkveranstaltung zum 80. Jahrestag der ersten Vertriebenentransporte nach Furth im Wald historische Erinnerung mit aktuellen politischen Entwicklungen verknüpft. Posselt warnte vor einer Wiederkehr nationalistischer Denkweisen in Europa und betonte die Bedeutung von Versöhnung, Minderheitenschutz und grenzüberschreitender Zusammenarbeit.

Die Vertreibung der Sudetendeutschen nach dem Zweiten Weltkrieg ordnete er als Folge nationalistischer Ideologien ein. Nationalismus, so seine zentrale These, beginne stets mit der Einteilung von Menschen nach Sprache, Herkunft oder Religion. Würden solche Zuschreibungen politisch wirksam, mündeten sie in Ausgrenzung, Assimilationszwang oder Vertreibung. Die Geschichte der Sudetendeutschen stehe exemplarisch für diese Entwicklung - ebenso wie zahlreiche gegenwärtige Konflikte weltweit. Posselt machte deutlich, dass Vertreibung kein abgeschlossenes Kapitel der Geschichte sei. Heute gebe es weltweit mehr Vertriebene und Flüchtlinge als jemals zuvor. Die Ursachen seien vielfältig - von Krieg über Armut bis hin zum Klimawandel. Der Kern vieler Vertreibungen liege jedoch weiterhin im nationalistischen Denken von Machthabern, die ethnische oder kulturelle Homogenität anstrebten.

Besonders eindringlich warnte Posselt vor einer gefährlichen Allianz nationalistischer Strömungen über Ländergrenzen hinweg. Deutsche und tschechische Nationalisten seien, so seine Analyse, nicht Gegenspieler, sondern oft faktische Verbündete. Ihr gemeinsamer Gegner sei nicht der jeweilige Nationalstaat, sondern Verständigung, Ausgleich und ein geeintes Europa. Diese Entwicklung mache Veranstaltungen wie das Gedenken in Furth im Wald politisch hochaktuell.

Zugleich würdigte der Sprecher positive Zeichen der Annäherung in den vergangenen Jahren. In Tschechien gebe es zunehmend Initiativen, die sich offen mit der Vertreibung der Deutschen auseinandersetzten. Dazu zählten kirchliche Gedenkjahre, kommunale Erinnerungsprojekte oder Denkmäler, die nicht auf Druck von Vertriebenenverbänden, sondern auf Initiative tschechischer Historiker und Kommunalpolitiker entstanden seien. Diese Entwicklungen wertete Posselt als Ausdruck eines gewachsenen historischen Bewusstseins.

Furth bezeichnete Posselt als einen Ort mit besonderer europäischer Bedeutung. Über Jahrhunderte hinweg habe die Region Bayern und Böhmen miteinander verbunden. Gerade deshalb sei sie sowohl von den Katastrophen des 20. Jahrhunderts besonders betroffen gewesen als auch prädestiniert, heute Brücken zu bauen. Erinnerung dürfe hier nicht Selbstzweck sein, sondern müsse in einen politischen und gesellschaftlichen Auftrag münden.

Zum Abschluss stellte der Redner die Verantwortung gegenüber kommenden Generationen in den Mittelpunkt. Gedenken sei nicht nur ein Dienst an den Opfern der Vergangenheit, sondern auch an den noch Ungeborenen. Ziel müsse ein Europa des Friedens, der Demokratie und des Minderheitenschutzes sein - als Lehre aus Nationalsozialismus, Vertreibung und den ideologischen Verwerfungen des 20. Jahrhunderts.

 

 

 

 

Kränze liegen am Gedenkstein

 

Am Gedenkstein vor dem Bahnhof von Furth im Wald erinnerte Bernd Posselt an die ersten Transporte sudetendeutscher Vertriebener nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Vertreibung sei „kein spontaner Akt, sondern ein eiskalt geplantes Nachkriegsverbrechen“ gewesen, betonte Posselt. Zugleich würdigte er den Gedenkstein als Zeichen der Erinnerung und der Versöhnung sowie als klares Bekenntnis gegen Nationalismus. -nik

 

 

Fotoserien

Gedenkfeier "80 Jahre Ankunft des ersten Vertriebenenzuges" in Furth im Wald (DO, 05. Februar 2026)

Weitere Informationen

Veröffentlichung

Do, 05. Februar 2026

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